Montag, den 16. Mai 2011 um 17:13 Uhr

ta_partingthesea

TOUCHE AMORE "Parting The Sea Between Brightness And Me" 

SKALA 1 BIS 10: 9

RELEASE: 07.June 2011

Facebook  /  toucheamore.com

OUT ON: DEATHWISH 

 

 

Da ist er endlich. Der zweite Longplayer von Touché Amoré. Das zweite Album einer Band ist meist das Spannendste, weil es sich positioniert, eine angedeutete Richtung weiter verfolgt oder sich doch neu orientiert. Was auf „…To The Beat Of A Dead Horse“ so intensiv auffiel wird zwei Jahre später auf „Parting The Sea Between Brightness And Me“ weitergeführt: Elemente des melodischen Hardcore werden vermischt mit denen von  Emocore und es wird eins drauf gesetzt – jeder Song ist ein lyrischer Erguss, ein Gedicht. Und wie das so ist bei Gedichten, die Bedeutung der Worte liegt in deren Interpretation. Und genau sie sind es, die Touché Amoré abheben, zu etwas Besonderem machen, im ganzen Zirkus des Hardcore. Wer nur oberflächlich die Musik hört, wird nichts heraus Stechendes bemerken: klare strukturierte Genremusik, ohne Schnickschnack. Harmonische Melodien, ein wirklich hervorragendes Drumming, klare Screamings mit der Möglichkeit auch wirklich jedes einzelne Wort zu verstehen, spielerische Hooklines und  partiell schwerfälliger Klaviereinsatz. Wenn man es nicht weiß, die älteren Herrschaften unter uns können es nach dem ersten Hörgang schon erahnen, wo die Einflüsse herkommen, und man wird sie im Booklet ganz hinten, kurz vor dem „Thank you!“ lesen: Acid Tiger, Bane, Blacklisted, Converge, Defeater, Far, The Hope Conspiracy, Paint It Black, Shook Ones, Strike Anywhere, This Is Hell, Thursday – um nur ein paar zu nennen.
Wohin die Reise dieses Albums geht erschließt sich einem nur, wenn man tiefer geht und sich auf die Lyrics einlässt. Schon im Opener „Tilde“ wird klar formuliert: „If actions speak louder than words I’m the most deafening noise you’ve heard. I‘ll be that ringing in your ears that will stick around for years.” – dieses Album verwirrt emotional. Auf der einen Seite ist es voller Wut und Erkenntnissen, auf der anderen Seite macht sich große Frustration und Resignation breit. Touché Amoré sind in der Realität angekommen, eine Realität, in der eigene Ideale kollidieren mit dem unerfüllten Wunsch nach positiven Veränderungen –„when you’re walking a line between ignorance and confusion you won’t know the difference between a cycle and  a revolution“. Wie man bereits in „History Reshits Itself“ vom ersten Album erkannt hat, wird hier das Rad nicht neu erfunden – wir wissen so viel über die Ungerechtigkeiten unserer Zivilisationen und doch tun wir nichts dagegen. Auch Touché Amoré nicht – es wird angeklagt, das Beileid über bestehende Verhältnisse wird ausgesprochen in „Condolences“ und man suhlt sich im Selbstmitleid – wir alle bemühen uns, aus dem tagtäglichen Überfluss an Informationen Verwertbares herauszuholen und zu verarbeiten. Und noch bevor wir das eine verdaut haben, braut sich das Nächste zusammen. Wir alle brüllen immer schön mit – und nichts passiert. Jeremy Bolm fasst das in „Seasame” mit folgenden Worten zusammen: "My eyes are too big for my stomach. I can't process all that I do. A rich diet of endless endeavors at the expense of me and you." Und wie das so ist mit Diäten, sie sind temporär angesetzt, so temporär wie dieses Album oder ein Konzert. Eine absehbare Zeitspanne, in der wir mental und emotional mitmachen, um nach diesem Album oder einem Konzert wieder brav nach Hause zu gehen – erst einmal verdauen.
Und doch bleibt etwas hängen, vielleicht nicht sofort, aber wir denken darüber nach, klagen weiter an -  uns selbst, die Menschheit und die Mächtigen und bewegen uns in einem Zyklus von Ups and Downs der Menschheitsgeschichte, die mit Kinderfüßen nach vorne und mit Siebenmeilenstiefeln wieder zurückschreitet. Auf der Suche nach einer besseren Welt, bewegen wir uns als „Pathfinder“ ohne Kompass und folgen Sänger Jeremy Bolm weiter in seiner Feststellung „I got lanes to explain the different ways I behave. A life that’s a detour to where I am not sure”. Die Misanthropen unter uns werden sich bestätigt fühlen, wenn nach all den Auseinandersetzungen die gleiche Erkenntnis folgt, die Jeremy in „Uppers/Downers“ zusammenfasst: „To look up to me is to look down on everything“. Nein, ein Held ist er nicht, unser musikalischer Poet. Das weiß er, und das möchte er auch nicht sein. Er ist Teil des Ganzen und das Einzige, das er uns anbieten kann ist, uns auf seinem Weg, der das Ziel ist, zu begleiten. Es ist, wie es ist – und doch tut es ihm leid, dass es so ist. Nein, er will uns auch nicht mit runter ziehen. Ist es seine Pflicht, unsere Erwartungen zu erfüllen? Rätsel zu lösen, die wir selbst nicht lösen können? Irgendwie fühlt er sich dann doch zu einer Erklärung verpflichtet: Wenn er uns im ersten Song „Tilde“ bereits sagte wo das Problem liegt aber doch keine Lösung anbieten kann, dann will er uns wenigstens in „Amends“ (Deutsch: Wiedergutmachung/Entschädigung), dem letzten Song dieser Platte mitteilen, dass wir uns von ihm nicht runterziehen lassen sollen und wir sollen uns auch keine Sorgen um ihn machen: „for what its worth I‘m sorry and at the end I swear I‘m trying.“
Also alles beim Alten? Dreht der Hamster das Rad einfach weiter? Wie schon erwähnt, neu ist das alles nicht – die Wut nicht, die Erkenntnis nicht, die Selbstzweifel nicht, die Flucht in das Selbstmitleid nicht. History reshits itself: von Punk zu Hardcore zu Post-Hardcore zu Emocore – wir alle sind nun mal gefangen in dieser einen Welt, in einem Zyklus, in dem wir dazu neigen, oft nur die Extreme von Veränderungen wahrzunehmen. Nach dem ersten Durchhören dieses Albums war ich nur verwirrt, frustriert und fühlte mich allein gelassen. Irgendwie war die Assoziation zu Rites Of Springs „For Want Of“ mein permanenter Begleiter – „I woke up this morning with a piece of past cought in my throat. And then I choked”. Alles war nicht neu und doch war ich immer noch unzufrieden. Nein, ich wollte mich mit dieser Unzufriedenheit nicht begnügen – das reicht mir nicht. Das kann es nicht gewesen sein! Bin ich auch so geworden? Nur noch denken, reden, diese Wut fühlen und sich ohnmächtig fühlen? Wenn es so ist, dann möchte ich Jeremy Bolm am Ende doch danken. Wofür? Dafür, dass er mir bewusst gemacht hat, dass mir dieser Zustand der Unzufriedenheit und Wut nicht reicht. Es mag legitim sein, sich in seinem Selbstmitleid für eine kurze Weile zu suhlen, aber wer seine Wut nicht nach außen katalysiert, der wird am Ende sich selbst zerstören und wer nicht kämpft, der hat schon verloren. Nach all den Referenzen zu den Worten von Mr. Bolm, möchte ich ihm dann doch einmal sein Booklet vor die Nase halten, auf die Dankesliste zeigen, die aufgeführten Cancerbats aus dem Ärmel schütteln und entgegenbrüllen: „Hey world, you’ll never break me! Try your hardest! Try your hardest!“
In diesem Sinne ist es am Ende so, wie es mit Antihelden eben ist: Es ist ihre Schwäche, die sie sympathisch wirken lässt und sie zum Helden ihrer Gleichgesinnten macht. Ob Touché Amoré die Intention hatten, durch dieses Album Seelentröster für diese Gleichgesinnten zu spielen, Menschen wie mich ihrer Lethargie bewusst zu machen oder einfach nur sich ihren Kummer von der Seele zu schreiben und in die Welt zu schreien – ich weiß es nicht. Aber bei Gelegenheit werde ich sie mal fragen.

Review by Snjezana Tomic

 

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