Montag, den 19. Dezember 2011 um 19:24 Uhr

cynic_live_2011

Cynic

Chimp Spanner

Unsoul

 

Stadt: Berlin

Datum : 16.12.2011

Location : Cassiopeia

Der Konzertkeller des Berliner Cassiopeias wurde am 16.12. zur Pilgerstätte der Saitenquäler. Liebhaber von Experimetal und Musika Extravaganza kamen um CYNIC, CHIMP SPANNER und UNSOUL zu sehen. Wird waren dabei.

Der Berliner Localsupport beschert Einmarschmusik jenseits des Einheitsbreis. UNSOUL überzeugen bereits seit Jahren mit Prog-Metal weit außerhalb der ausgelatschten Trampelpfade. Da wird experimentiert, provoziert und generell anders Gedacht. Der „Alternative“ Geist, er findet sich in Riffing, Struktur, Melodik und auf der Bühne. Das 20€ Xylophon mit Gaffa-Tape auf dem Keyboard Ständer fixiert. Der mitgebrachte Kombovertsärker auf 2 Kästen Jever. Leidenschaft triumphiert über Kommerz. Greifbare Proberaumatmosphäre bei den neuen Stücken „Francotirador“ und „Wauzi“. Näher dran geht’s nicht. Zynisch wird um Facebook-Likes gebeten, da ohne eine digitale Gefolgschaft in X-Stelliger Höhe man ja sowieso kein Selbstvertrauen,  keine Kompetenz und selbstverständlich keinen Erfolg haben kann. Als Belohnung fürs erscheinen des harten Berliner Fan-Kerns dürfen die Haare zum Lepra-Klassiker „Dance your Legs Off“ dem Nebenmann ins Gesicht geschleudert werden. Toller Auftakt. „The Black Move“ bildet die Brücke zur zweiten Vorband CHIMP SPANNER.

Erstmalig in der Bundeshauptstadt sammel die UK-Prog-Metaller Bonuspunkte. Haben die Jungs doch wegen Organisationschwierigkeiten extra auf ein paar Minuten ihrer wertvollen Spielzeit verzichtet, damit Unsoul nicht nach 2 Songs schon wieder die Bühne verlassen müssen. Das ist fair. Das ist sympathisch. Das gibt ein Facebook Like Extra. Die Digitalisierung und der damit einhergehende Fortschritt des 21.  Jahrunderst dominieren. Gittarensounds á la Djent aus der Axe-FX Retorte, Beamer Projektionen, Midi gesteuerte Lightshow mit Moving Heads. Hier wird nichts dem Zufall überlassen. Ein Rechner gestütztes High-End Prog-Metall-Geballer mit Verstand. Bevor man mit halbgaren Lyrics, Potential zur Kritik schafft, lässt man diese auch gleich ganz weg – genauso wie Ansagen. 40 Minuten führt der auf den bürgerlichen Namen hörende Paul Ortiz das Cassiopeia durch sein Soloprojekt und durch die Alben „Imperium Vorago“ und „At The Dream's Edge. Das Synthievollplayback verkittet die einzelnen Tracks zu einem Stakkato zerhackten Gesamtsaitenklotz. Endlossoli und Spielfreude pur. Man erntet damit größtenteils anerkennende Blicke. Musiker und Freunde moderner Stage- / und Marketing  Ästhetik freut es sichtlich. Analogfreunden gefriert bei soviel Distanz und künstlichem Auftreten aber sicher das Bier in der Hand.  Eine Ansage gab es anschließende dann doch noch: Kauft T-Shirts!

Die größte Leuchte des Abends bilden aber Cynic - Für viele Bands Inspiration und unerreichtes Vorbild in Komplexität und Struktur. Ein Hauch von Exklusivität dem erlauchten Kennerkreis anzugehören.  Das kleine Cassiopeia mit der nur  50 cm hohen Bühne präsentiert die US-Prog Größen zum anfassen. Noch näher dran und man muss sich die Gitarre selbst umhängen. Ausverkauft sieht zwar anders aus, aber gut gefüllt reicht auch. Mit „Carbon-Based Anatomy“ gibt’s einen neuen Track vorne weg, „Evolutionary Sleeper“ und das Must-Know „How Could I“ hinten dran. Nach “Adams Murmur” und “Celestial Voyage” fällt es aber langsam auf. Mit „King Of Those Who Know“ und „Veil of Maya” bekommt man Gewissheit.  Man hat nicht das 360 Grad Grinsen im Gesicht hat wie es eigentlich der Fall sein sollte. Sound und Setlist sind durchdacht wie die Lightshow, nur die Band an sich will nicht leuchten. Dezent unmotiviert und latent lieblos wirken die Vollprofis um Paul Masvidsal. Zweitgitarre und Bass wurden jüngst erneut gewechselt – der Langzeit Cynic‘er zählt schon längst nicht mehr mit. Ob es aber wirklich an den neuen Mitgliedern und den kleinen Verspielern liegt? Großes Publikumsengagement erwartet man bei Jazz geschwängertem Fusion/Prog Metal ohnehin nicht – ein Urteil fällt schwer.  Aber ein etwas weniger distanziertes Auftreten – besonders in so kleinen Rahmen – hätte es sicher ruhig sein können. So verbleibt man lieber bei „Integral Birth“, „Box Up My Bones“ und „The Space For This“ bevor man in Richtung Nightliner verschwindet. Tolles Konzert, aber eben doch nicht in dem Maße überragend wie man es eigentlich gern gehabt hätte.

 

© Arne Gerstädt 2011


 

 

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