W:O:A 2011
In 22 Jahren Geschichte hat das Wacken Open Air längst die Dimensionen eines herkömmlichen Festivals hinter sich gelassen, und ist viel mehr zu einer Institution, ja sogar Religion geworden. Mit Metaltrain, Auto, Bus und Flugzug pilgern Metalheads aus der ganzen Welt in die kleine 2000 Seelengemeinde im Norden Hamburgs, und 117 Bands in 3 Tagen zu sehen. Wir waren dabei und erstatten Bericht.
Donnerstag
Es regnet, ist ja nichts neues dieses Jahr. Wer nach Wacken fährt kennt das und ist darauf eingestellt. Kleidung von außen, Bier von innen. So lässt sich das Warten auf die Öffnung der Festival Area aushalten. Musikalisch ist jetzt noch nicht viel zu holen, aber das heißt ja nicht, dass man nicht unterhalten wird. Neben den 4 Bühnen der Festival Area sind weitere 3 Bühnen mehr oder minder offen aufm dem Zeltplatz aufgestellt. Im Wackinger Village unterhalten in pelzgehüllte Paganer nun auf eigener Bühne die Mittelalterfans mit folklorischem Gedudel, und der Biergarten samt Firefighters hat nun auch sein gänzlich eigenes Podium. Auch neu ist das Bull-City Wrestling Zelt was von der Größe mit der Tent-Stage auf dem WFF zu vergleichen ist. Kurz vor dem Zeltplatz installiert, können hier Wrestling und Stripshow hin ausweichen, und entlasten so den überlaufenden Metalmarkt. Dazu gesellen sich noch Comedians, Newcomer Bands und und und. Den perfekten Einstieg um das Niveau für das kommende Wochenden zu eichen bietet JIM BREUER.
Der smarte Comedian mit dem latenten Hang zum Rassismus zieht in 30 Minuten alle Register an der Metalklischee-Orgel und führt das halbvolle Zelt durch sein hinreichend bekanntes Programm. Saufgeschichten, Starallüren, die dunkelsten Passagen des pubertären Fan-Da-Seins - nichts ist vor dem Mann in der Glitzerkutte sicher. Ozzy, James Hetfield und Brian Johnson waren auch wie immer als Imitationen vertreten, und gaben entsprechenden Stuss von sich. Zwischen Frauen-Catchen und KVELERTAK eine willkommene Abwechslung, die allemal mehr Berechtigung gehabt hätte auf der großen Bühne zu stehen als Bülent Ceylan. Man kann eben nicht alles haben.
Beim anschließendem Rock/Punk/Core/Metal - was zum Teufel machen die Jungs eigentlich - Aufgebot der Newcomer Kvelertak offenbart sich eine ganz andere Schwäche der neuen Zeltplatzbühne. Konzipiert als flexible Entertainment-Buzze die sowohl Alleinunterhaltern, strippenden Halbnackten und Testosterongeschwängerten Nachwuchs-Hulks eine Bühne bieten soll, verbindet ein Steg auf Bühnenhöhe selbige mit dem Wrestling Ring in der Mitte. Ziehen erstgenannte Berufsgruppen aus diesem Catwalk noch ein Vorteil in Sachen Nähe, ist er als Crowdbrecher, Stagedive-Sperre und sprichtwörtliche Wall-of-Death für die Publikumsbeteiligung eher hinderlich. In Verbindung mit dem ohnehin stark limitierten Platzangebot erstickt man jegliches Moshen im Keim und Sänger Erlend Hjelvik muss sich mit ungeschickten Sprüngen über die Ringseil eben selbst aufs Kreuz legen. Mit nur einem Album im Gepäck liest sich die Setlist der Norweger wie das Backcover im Shuffel-Mode. “Ulvetid” “Sultans of Satan” “Mjod” & “Blodtorst” verstehen es trotzdem zum Klatschen und Springen zu animieren. In zwei Jahren kann man das hoffentlich vor der Party-Stage tun.
Gegen Nachmittag öffnet das Festivalgelände seine Pforten, und pünktlich zum Startschuss schiebt Petrus die letzten Regenwolken weg. Wetterberichte sind dieser Tage sowieso nicht mehr als Comedienummern. Also wird die prognostizierte Regenwahrscheinlichkeit ignoriert, und das Gelände inspiziert. Merch wohin man schaut, Futterstände mit Inflationspreisen, Jägermeister Hochsitz, alles beim Alten - auch auf der Bühne.
Unlängst können die Krefelder von BLIND GUARDIAN die Wackener Mainstage als ihr zweites Zuhause betrachten. Entsprechend souverän schicken sie die 40.000 Fans auf eine Rundreise durch Mittelerde, und lassen mit “Nightfall” als 3. Song bereits den ersten Gassenhauer auf die Massen los. Mit der untergehenden Abendsonne, und einem unverhofft wolkenlosem Himmel präsentiert Norddeutschland dafür ein Rahmen wie ihn sich Tolkien höchstselbst nicht hätte besser ausdenken können. Wacken dankt es mit gewohnt textsicherer Beteiligung, und lässt Hansi Kirsch wenig Grund zur Beanstandung. Sichtlich beeindruckt ob des starken Zuspruchs wird die Menge kurzerhand als Chor fürs nächste “Best of” Album gecastet und per Vorschuss mit „Time Stands Still At The Iron Hill“ & „Traveler In Time“ belohnt. “Valhalla”, “The Bards Song” und “Mirror Mirror” komplettieren die hochwertige Setlist, und entlassen die Menge mit einem, Knall in die Nacht und zu OZZY OSBOURNE.
Viele hätten es nicht für möglich gehalten, und zweifelten bis zum Schluss am tatsächlichen Auftreten des Prince of Darkness. Gerüchte kursierten über eine Absage oder angeblich eigens für ihn installierte Rampen samt Handläufe, um dem in die Jahre gekommen Ozzy seinen Auftritt zu erleichtern. Er machte nicht den Eindruck als hätte er es nötig gehabt. Zugegeben, er hat seinem Tourteam definitiv eine gute Visagistin hinzugefügt. Doch jemand der die ersten 4 Reihen mit einer überdimensionalen Schaumkanone einseifen kann, ist noch weit davon entfernt das Showbiz an den Nagel zu hängen oder auf Fortbewegungshilfen angewiesen zu sein. Ausgelassen verpasst sich der Metal- und Fernsehstar selbst eine eine Ladung Blubberschaum, bevor er zu “Suicide Solution” “Alester Crowley” und “War Pigs” ansetzt. Frenetischer Jubel ist hier mehr als nur Ehrensache, insbesondere wenn man alte Sabbath Songs geboten bekommt. Für viele dürfte es der erste, und vielleicht auch einzige Auftritt des Rock-Urgesteins sein, den sie live erleben dürfen. Und irgendwie mischt sich ein Beigeschmack von Nostalgie in die dunstig feuchte Abendluft. Derweil vergreift sich Ozzy weiter am Portfolio vergangener Tage und lässt “Iron Men” anstimmen. Was für ein Erlebnis. In der Zugabe kommt man dann doch nicht um “Mama I’m Coming Home” herum. Ein Pein die gern in Kauf genommen wird, vorallem wenn zum Abschluss “Paranoid” winkt. Haben wir auch das mal Live gesehen.
Freitag
Nicht nur für alle daheimgebliebenen der beste Tag der Woche. Auch das Wacken LineUp ist äußerst vielversprechend. Und Verbindung mit strahlendem Sonnenschein wirft ein großartiger Festivaltag seine Schatten voraus. Denn welch hochkarätiges Musikaufgebot darf man erwarten, wenn ENSIFERUM als noch vormittaglicher Opener herhalten müssen. Man ist gespannt.
Die Wikinger-Finnen erobern Wacken und machen mit “Battle Song” gleich mal klar, wer hier die Macht im Norden ist. Na gut, furchteinflößend ist etwas Anders, aber souverän ist das melodiegeschwängerter Pagan-Einerlei allemal. Ein melodisch synthielastiges Hoch-die-Hörner für die ganze Familie, was sich auch auf der Wiese bemerkbar macht. Selten präsentierte sich das WOA so breitspektral im Publikum. Lang bis kurz behaart, bunt und schwarz bekleidet, jung, alt und eigentlich jeder - die Meinungen zum multikulti Folksfestflair gehen auseinander. Die Finnen bedanken sich bei den zahlreichen Frühaufstehern mit „Tale of Revenge“ und „Blood Is the Price of Glory“ . “Victory Song” und “Stone Cold Metal” auch noch hinterher und so mancher ist verdutzt über die hohe Anzahl an Crowdsurfern im Verhältnis zur unglaublich früher Uhrzeit. Haben etwa alle ausgeschlafen und ihr Kraftmüsli eingepackt, oder sind die immer noch am feiern von gestern? Den “Iron”-Schlusspunkt noch obendrauf und Wacken ist wach. Zeit um einen härteren Gang einzulegen.
Da gab es ja eine ganze Menge Presse im letzten Quartal. Szenemagazine, Onlineplattformen, Fan-Foren - alle überschlugen sich angesichts MORBID ANGELs „Illud divinum insanus“. 8 lange Jahre hatte man Heerscharen von Fans warten lassen um dann mit einem Album aus dem Sarg zu steigen, wie es kontroverser wohl kaum sein könnte. Entsprechend neugierig sind die Massen, und wohl auch Morbid Angel selbst. Man besänftigt die Musikerpolizei mit altbewehrtem “Altar of Madness” und “Blessed Are The Sick” Gebolze bevor man nach “Maze of Tourment” mit “Existo Vulgoré” die erste Bombe platzen lässt. Und die Fans interessierte es mal so gar nicht. Verhaltenes Kopfnicken hier, suchende Blicke nach dem nächsten Bierrunner dort, oder einfaches Schlendern zum nächsten Merch- und Futterkrämer. Und wer kann es ihnen verdenken. Sound und Performance der US Todesmetaller sind ähnlich nebulös wie die Bühne. “Nervermore”, “I Am Morbid” “Chapter of Disease” - nichts kann so recht zünden. Da ändern auch die Schlussgranaten „Where the Slime Live“ und „God of Emptiness“ nichts dran. Ein Auftritt den keiner so richtig gebraucht hat, und um die Uhrzeit auch keiner wirklich sehen will. Endtäuschend. Vielleicht spart man sich auch nur auf für die heilige Dreifaltigkeit des Tages auf. AS I LAY DYING, TRIVIUM, & HEAVEN SCHALL BURN in Folge. Oha.
I Akt
Tim Lambesis hat sich einen schmucken Bart stehen lassen und hat auch in Sachen Bühnenpräsenz und Performance ein paar Schritte in die richtige Richtung gemacht. Äußerst modern ist auch die Songauswahl von AS I LAY DYING. Oldschool Fans sehen ihre Lieblingsband aber nur in den Kollektionen der letzten Jahre. “Sound of Thruth”, “Within Destruction” und “Nothing Left”. Allesamt aus dem “Ocean Between us” Album verstehen es trotzdem zu zünden, und die schwungvolle Performance tut ihr übriges. Mit “Upside Down Kingdom” und “Parallels” noch ein paar ganz neue Stücke hinterher, bevor man mit „Forever“, „Confined“ und „94 Hours“ die üblichen All-Time-Favourites zum Ausklang nutzt. Ein toller Auftakt, doch die Menge spart sich auf. Viel zu viele positive Schlagzeilen machte das 5. Studioalben der Metalcorer von TRIVIUM im Vorfeld zum WOA, als dass man es sich leisten könnte diesen Auftritt nicht entsprechend würdigen zu können. „Mitreißend“ „Bestes Album des Jahres“ flüstern einem die einschlägigen Newsfeeds zum Thema „IN WAVES“ ins Ohr.
II Akt
Album bezeichnend wogen dementsprechend Welle auf Welle der Begeisterung durch die von AS I LAY DYING vorgewärmten Massen. Entsprechend euphorisch wird das US Quartett auf der True Stage willkommen geheißen und gleichsam energisch die Wackener (Rest)-Graslandschaft zum Opener „In Waves“ ein paar Zentimeter mehr verdichtet. Gott sind die Jungs eine gute Live Band geworden. Mit „A Gundshot to the Head of Trepidation“ setzt man chronologisch nochmal ein paar Schritte zurück, um mit „Dusk Dismantled“ alles im Ansturm niederzuwalzen was einem Zweifel an der Qualität des neues Langspielers auch nur im entferntesten ähnelt. (Siehst du das Morbid Angel? Siehst du wie man sowas macht?) Druckvoller Sound, sympathisches Auftreten, großartige Beteiligung und dazu auch noch Sonnenschein - ein Festivalauftritt wie aus dem Bilderbuch, der auch an der Band nicht unbemerkt vorbei geht. Im diskografischen Hoppsesprung geht es mit „The Deceived“ und „Black“ weiter, und die Metalheads auf den ersten 50 Metern bekommen einen Eindruck wie Trivium das Wort „Abriss“ neu definieren. Und der Siedepunkt ist noch nicht erreicht. Denn „Like Light To The Flies“ und „Built To Fall“ sind auch nur die Vorstufe für den eigentlichen Nachbrenner. „Pull Harder On The Strings Of Your Martyr“ und Matt Heafy kann den entstehenden Circle Pit zu seinen Füßen selbst kaum fassen, der Mensch, Schweiss und Wüstenboden gleichsam zu verschmelzen droht. „Down From The Sky“ und „Throes Of Perdition“ fast nur noch Formsache in einem leider viel zu kurzen Set. Da bleibt nur noch das Warten auf einen Auftritt als Headliner.
III Akt
Wer nach der Massenschlacht immer noch Puste beweist, der macht 100 Schritte nach links und bleibt bei HEAVEN SHALL BURN stehen. Zum zweiten mal dürfen die Saalfelder die Wackener Mainstaige bespielen, und haben sich equipmenttechnisch drauf eingestellt. Mittels beeindruckend großen Videoleinwänden werden die altbekannten Banner nun modisch-multi-medial präsentiert und mit real-Life Flammeninfernos aufgepeppt - als ob es die kochende Menge nötig gehabt hätte. Dem neuen Zeitgeist folgend, gibt es mit “Awoken” und “Whatever It May Takes” auch ein paar neue Songs zwischen den bekannten Totschlägern “Endzeit“ und “Voice Of The Voiceless”. Eine Mischung mit Massenvernichtungwaffenspotential. Was jetzt noch nicht auf den Beinen ist, wird zum Mitmachen geprügelt und mit “Counterweight” und “The Disease” bei der Stange gehalten.
“I Was, I Am, I Shall Be” - der Auftakt zum großen Finale, denn jeder weiss doch was Marcus Bishoff von der schwitzenden Meute erwartet wenn „Behind A Wall of Silence“ ansteht. 3 riesige Circle Pits quälen sich um FOH- und Delay-Tower und sorgen für absurd große Freiflächen und Quetschpassagen im Publikum. Das Schauspiel ist nicht neu und wird seit mehreren Jahren verfeinert. Damit es nicht langweilig wird, versucht man bei anschließendem „Return To Sanity“ einfach etwas Neues. Jedes weibliche Geschöpf welches zur Bühne gecrowdsurft kommt, kriegt ein gratis HSB Shirt. Bei der Reaktion fühlt sich manch einer an den BMTH Gig auf dem WFF2011 erinnert, bei dem Oli Sykes jedem Ankömmling ein High Five versprach. Ob willig oder nicht spielt keine Rolle, im Sekundentakt wurde alles was nach Weibchen aussah und nicht bei drei aus Griffreichweite war über die Köpfe gewuchtet und Richtung Stage geschmissen. Die Meinungen und Reaktionen der bewegten Weiblichkeit waren gelinde gesagt gemischt. Noch das Edge of Sanity Cover „Black Tears“ hinterher und die heilige 3 Faltigkeit entlässt die Massen Richtung Tresen, um sich für den Headliner JUDAS PRIEST zu rüsten.
Der Tinitus Ozzy Osbournes vom vorherigen Abend ist noch mal nicht ganz verwunden, da rollt bereits das nächste Metal-Urgestein auf die True Stage. Und ähnlich wie beim Prince of Darkness wird es auch bei Judas Priest für viele Wackener das Erste und Letzte mal gewesen sein, dass man die Herren um Rob Halford jemals zu Gesicht bekommen hat. 40 Jahre Bandgeschichte, 15 Alben, Mitbegründung der NWOBHM, unzählige Touren - schmeckte man gestern nur fahl die Nostalgie, trifft einen heute das Metalgeschichtsbuch wie ein lacklederner Vorschlaghammer. Der Auftritt auf dem WOA 2011 markiert einen der Höhepunkte in der letzten großen Welttrournee Priest‘s und ist auch ein Highlight auf dem Festival selbst. Rob Halford leuchtet mit Spiegelklamotten und blank polierter Glatze sowieso und die Setist ist auch das blanke Feuerwerk. “Metal Gods”, “Victim Changes” “Beyond The Realms of Death” alles was jemals Rang und Namen hatte, ist vertreten. Und wenn einem bei der Songauswahl und Performance nicht schon das Bier in die Socken läuft, dann fällt einem spätestens beim Sound der Becher aus der Hand. Überragend druckvoll, messerscharf ausdifferenziert - da ist man auch nachsichtig wenn es gleichzeitig blödsinning laut ist. „Breaking The Law“ singt der Meister dann schon gar nicht mehr selbst sondern und überlässt der Crowd die hinreichend bekannten Passagen. „Painkiller“ samt berüchtigtem Drumintro setzt dann den vorläufigen Schlusspunkt, bevor man sich zu zwei weiteren Zugaben Bitten lässt. „Hell Bent For Leather“ und „You‘ve Got Another Thing To Comin‘ “ werden stilecht vom Motorrad aus performt, bevor man die staunende Menge mit „Living After Midnight“ passend in der Rest das Abends entlässt.
Doch an Schlaf ist nicht zu denken. Ein infernales Terminator-Intro kündigt die AC/DC Erben von AIRBOURNE an. Neben den üblichen zwei Alben im Gepäck haben die Australier wertollen Platz in der Reisetasche wie immer mit mehr Bier als Klamotten gefüllt. Recht so. Der halbnackte Joel O’Keeffe kleidet sich in mehr Löcher als Jeans und vernichtet zwischen “Raise The Flag” und “Bottom Of The Wall” gefühlte 10 Bier. Der Rest landet im Publikum. Was der Alkohol dann an Kick nicht mehr liefert, holt sich der Möchtegern Tarzan bei der bekannten Klettereinlage unters Traversendach, um das Solo zu “No Way But The Hard Way” auf 30 Metern Höhe zu spielen - äußerst passend. “Too Much, Too Young, Too Fast” der Gewillte kann auch hier eine Hommage an den gerade demonstrieten, fast noch Jugendlichen Leichtsinn erkennen. Zu “Stand up, For Rock’n Roll” gibt es dann eine spukige Bauscheinwerfer Illuminationseinlage bevor mit “Runnin‘ Wild” der Schlusspunkt gesetzt wird. Kein “Blond, Bad And Beautiful”? So eine S*****e.
Das Wiegenlied des Abends kommt dann aus Finnland. APOCALYPTICA von 2 bis 3 Uhr Nachts. Sanfte Chello Klänge nach einem alles zerfetzenden Festivaltag? Das können die Jungs vom Line Up doch nicht wirklich ernst meinen. Wer bei “Nothing Else Matters” immer noch nicht im Stehen eingeschlafen ist, sucht nach der letzten weggeworfenen Bierdose von Joel O’Keeffe und hilft auf dem Weg ins Delirium eben noch etwas nach. “Master of Puppets” und “Seek and Destroy” verhallen nahezu ungehört bei den kaum 5000 Festivalzombies. Schlagzeugeinlagen und Gastgesang bei Sepulturas “Inquisition Symphony” können die fallenden Augenlieder dann auch nicht mehr aufhalten. Und wer “I Don’t Care” und Edward Griegs “Hall Of The Mountain King” dann tatsächlich noch bewusst erlebt hat, verdient tiefen Respekt. Der Rest hat sich auf den langen Weg zum Zelt gemacht oder ist beim anschließenden “Lemmy - The Movie” Film im Biergarten unterm Tisch eingepennt. Na wenigsten war er am nächsten Morgen der erste am Zapfhahn.
Samstag
Den letzten Tag musste man erstmal verdauen. Die Nacht kalt-durchfeuchtet überstanden, grinst einen Wacken mit aufkeimendem Sonnenschein an. Alkoholbedingte Ernüchterung geht mit selbiger Erkenntnis einher, dass heut auch schon alles wieder vorbei sein wird. Egal.
Als Altwackener sind sich MAYHEM der absurden Wirkung von lachendem Sonnenschein an einem lauen August Nachmittag und der gleichzeitigen Darbietung von Songs wie “Freezing Moon“ allerdings wohl bewusst. Black-Metal Attitüde adé, es war schön dass wir dich gekannt haben. Wo 2004 Maniac noch mit Schweineköpfen um sich warf, da hält Attila heut nur noch sein Plastikkreuz in die Menge. Auch alles nicht mehr das was es zu sein schien. Mahymes diskografische Ausflüge in Richtung Chimera, Grand Decleration of War und Ordo Ad Kao werden mit je einem 3 Minüter gewürdigt, bevor man sich in den Weiten der De Mysteriis Dom Sathanas verliert. „Pagan Fears“ war vorne weg, „Buried By Time And Dust“ kommt hinten dran. Zwischendurch passiert leider nicht viel. Schade - auch weil man die Chance nicht wahr genommen hat, hier mit einem Mayhem-mäßigen-Auftritt den Jungwackenern zu zeigen, was es heißt Black Metal der (fast) ersten Stunde zu spielen.
Die Brasilianer von SEPULTURA gehen da um einiges mehr in die Vollen. Seit 27 Jahren sind die Thrash/Death Metaller jetzt schon dabei und noch immer kein bisschen müde. Zugegeben, von der Oldshool-Crew sind ja nur noch Paolo und Andreas dabei - aber das heißt ja nicht, dass da nicht Sepultura auf der Bühne stehen. Um das auch klar zu stellen gibt es “Arise” und “Refuse/Resist” als Aufmacher. Wacken reagiert gelassen. In Anbetracht des guten Wetters und der letzten Nacht kann man “Relentless”, “Choke” und “Troops Of Doom” auch prima von der Wiese beobachten, anstatt vor dem Gatter auszurasten. Beim Ministry Cover “Just One Fix” wird der Ein oder Andere hellhörig, und steht zu „Ratamahatta” vielleicht sogar auf. “Roots Bloody Roots” darf auch nicht fehlen. Sepultura eben. Immer wieder gern.
Bricht die Nacht herein kommt der Rock’n’Roll zurück. DANKO JONES warten auf der Party Stage und fügen sich stilistisch optimal an die gestrigen Airbourne an. Die perfekte Dosis Hardrock pro Tag. Je eine Pille “The Rules”, “Play The Blues” und “Active Vulcano” morgens , “First Date” und “Full Regret” am Abend. Und vergesst nur nicht “Sugar Chocolate” und “Suger High”, dann kann eigentlich nichts passieren. Konzerte der Kanadier sind auch immer eine Sache für sich, aber wie soll man das in Worte fassen? Dankos Kommentare rezitieren - ein Ding der Unmöglichkeit. Seine Performance beschreiben - mindestens 3 Seiten zu wenig Platz, obwohl er sich gegenüber sonstigen Auftritten seltsam zurückhaltend zeigte. Beleidigungen der anderen Acts? Na klar doch! Beleidigungen des Publikums? Sowieso. Aber mehr leider auch nicht. Nach “Cadillac” und “Mountains” ist leider schon alles zu Ende. Also auf zum Abschluss und zu Children of Bodom. He ist das eine Regenwolke?
Oha ja, Das ist eine! Aber auf den letzten Metern kann man auch die verkraften. Bühne frei für den Schlussspurt - oder doch eher der keuchend-kriechende Abgang? CHILDREN OF BODOM machen keine gute Figur. Der übliche Kajal Alexis’ und die schwammige Videoleinwand können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Jungs ganz schön ausgebrannt aussehen. Emotionslos werden einem “Shovel Knockout” und “Roadtrip To Hell And Back” vom letzten Langspieler um die Ohren gehauen. Hier habt ihr es, ob es euch gefällt ist uns egal. “Children of Bodom” und “Hate me” werden kredenzt, können aber auch nicht zünden. Sehr viel alter wird die Setlist nicht, die sich oft an „Blooddrunk“ und „Are You Dead Yet“ austobt, auch wenn der Begriff dem nicht ganz gerecht wird. Nicht einmal “Lake Bodom” wird angeboten, obwohl gerade das angesichts der Wassermassen sehr passend gewesen wäre. Wo sind die Spucke-Auffang-Special-Moves, wo die Keyboard-Gitarren-Popsong-Cover-Duelle? Klar bringen die Finnen diesen Blödsinn nicht jeden Abend, aber auf dem Wacken auch nicht? Runtergespulte Ansagen, lieblose Performance - als hätte man ebenso wenig Lust gehabt im Rampenlicht auf der Bühne zu stehen, wie die Restwackener im Regen davor. Zum Crowedsurfen lassen sich hier nur die Hardliner animieren - ernüchternd für eine Band die hier einst Weltrekorde in dieser Disziplin aufstellte. Eine magere Zugabe für “Are You Dead Yet” und “Hate Crew Deathroll” - dann darf das Quintett endlich die Bühne verlassen. Glück gehabt, dass nun Feierband ist.
Wer sich nicht unter das Vordach, der Biertröge flüchtet um den Abend zu begießen, verschwindet noch an Ort und Stelle vom Festival oder lässt es am nächsten Morgen drauf ankommen. Wacken ohne im Schlamm steckende Autos - das geht ja gar nicht.
Fazit
In Sachen Umfang und Organisation setzt das W:O:A seit 22 Jahren Maßstäbe für Festivals in ganz Deutschland und darüber hinaus. Keine Ecke wo kein Einweiser steht - nirgends eine verlassene Straße ohne Plan. An jede Warteschlange, an jeden Engpass, an jedes Dixi wurde gedacht. Die Perfektion der Sound-, Video- und Lichtanlagen - schon fast eine Selbstverständlichkeit. So etwas hat natürlich seinen Preis. In Anbetracht des LineUps ist aber auch der vertretbar - insbesondere im internationalen Vergleich. Und auch wenn ausverkaufte Christmastickets der Maschinerie Wacken Recht geben, so ist der Preis den das Festival selbst zahlt ein Anderer. Denn soviel Popularität kann Abschrecken und auch Verändern. Aber vor allem kostet es Authentizität.
Zu wenig Szene, und zu viel Merchandise. Zu wenig echt Fans, und zu viel die nur mal gucken wollen. Zu wenig Extremes, und zu viel Mainstream. Längst sind viele Underground Metaller auf entsprechend ausgerichtete Festivals ausgewichen. Die Auswahl ist Gott sei Dank nicht schlecht. Doch würden auch sie es begrüßen wenn das W:O:A neben Metalmarkt, Wrestlingzelt und Comedians - kurzum neben all dem Rummel - sich daran erinnert was ist und war : ein METAL FESTIVAL. Und ein Großartiges noch dazu.